Neuroprotektion

Der folgende Beitrag stammt von der Website „www.parkinson-web.de“, eine Kooperation der Gertrudis-Klinik Biskirchen und der Deutschen Parkinson Vereinigung e.V.

Kann der Verlauf der Parkinson-Krankheit verlangsamt werden?

Eines der wichtigsten Ziele der Forschung ist es die fortschreitende Degeneration zu verlangsamen und sogar aufzuhalten. Diese Bemühungen werden unter dem Begriff „Neuroprotektion“ zusammengefasst (= Schutz der Nervenzellen).

Im erweiterten Sinne haben diese neuroprotektiven Forschungsansätze folgende Zielsetzungen:

  1. Verlangsamung oder sogar Aufhalten des Zellschwundes in der Schwarzen Substanz (= Verlangsamung der Krankheitsprogression)
  2. Verhinderung des Auftretens der Krankheit in Risikogruppen (durch Behandlung mit neuroprotektiven Substanzen = Prävention)
  3. Ersetzen der abgestorbenen Zellen (= Neurorestauration, wiederherstellende Therapien)

Für die betroffenen Patienten hat die Verlangsamung oder das Aufhalten des Zellschwundes und dadurch die Begünstigung des Krankheitsverlaufes die größte Bedeutung. Wenn der Zustand der Schwarzen Substanz bei der frühzeitigen Diagnosestellung, also beim Auftreten der ersten Symptome oder bei den ersten Verdachtsmomenten konserviert werden könnte, wäre eine weitere Verschlechterung der Krankheit nach aller Wahrscheinlichkeit vermeidbar. Aber auch eine deutliche Verlangsamung des Fortschreitens der Krankheit würde die Spätkomplikationen zeitlich deutlich hinausschieben.

Bei den Risikogruppen, z.B. bei Angehörigen von Parkinson-Patienten mit mehreren Betroffenen in der Familie, Menschen mit Verlust des Geruchsinnes oder wenn andere Untersuchungen auf eine Gefährdung hinweisen, könnte eine frühzeitige neuroprotektive Therapie den Ausbruch der Krankheit verhindern.

Entstehungsfaktoren der Parkinson-Krankheit

In der Entstehung der Parkinson-Krankheit spielen nach den heutigen Theorien verschiedene Faktoren eine wichtige Rolle. Im wesentlichen werden

  • Genetische Faktoren (selten erbliche, eher erworbene Veränderung des Genmaterials),
  • gestörte Funktion der Energiezentren der Nervenzellen (Mitochondrium),
  • der oxidative Stress, freie Radikale,
  • Umweltgifte,
  • gestörte Entgiftungsmöglichkeit (evtl. angeboren),
  • entzündliche Faktoren,
  • krankhafte Eiweißablagerungen in den Zellen (Lewy-Körperchen), gestörte „Eiweißfaltung“,

für den Zelltod in der Schwarzen Substanz verantwortlich gemacht.
Dementsprechend versuchen die neuroprotektiven Therapieansätze diese Faktoren zu beeinflussen.

Neuroprotektive Wirkung der Parkinson-Medikamente

L-Dopa

Bezüglich der neuroprotektiven Wirkung von L-Dopa sind die klinischen Daten teilweise widersprüchlich. In der doppelblinden, randomisierten ELLDOPA-Studie konnte in der L-Dopa-Gruppe auch nach Absetzen von L-Dopa ein besserer klinischer Zustand gegenüber der Placebo-Gruppe nachgewiesen werden. Das bildgebende Verfahren DATScan hat aber in der Placebo-Gruppe eine höhere Dopamin-Transporter-Dichte, also eine langsamere Progression gezeigt. Dementsprechend bleibt die Frage nach der Wirkung von L-Dopa auf den Krankheitsverlauf unklar.

Dopamin-Agonisten

Die Dopaminagonisten, die früher in den Spätstadien der Krankheit eingesetzt wurden, werden seit den 90-er Jahren auch in der Frühtherapie und bei den jüngeren (unter 70 J.) Patienten als Anfangsmedikation verwendet. Sie sind theoretisch neuroprotektiv, vermindern den Dopamin-Stoffwechsel in den erkrankten Zellen und entlasten dadurch diese. Dementsprechend wird auch die Produktion der freien Radikale zurückgedrängt. Dopamin-Agonisten haben in Tierversuchen auch eine sog. Antioxidantienwirkung, können also die schädlichen Radikale neutralisieren.

In der REAL-PET-Studie wurde der fortschreitende Zellschwund in der Schwarzen Substanz zwischen L-Dopa und Ropinirol mittels Fluoro-Dopa-PET verglichen. Bei der PET-Kontrolle nach mehreren Jahren war die Fluoro-Dopa-Aufnahme im Streifenkörper des Gehirns in der Ropinirol-Gruppe signifikant höher. Die Ropinirol-Gruppe zeigte also eine Verlangsamung des Zellschwundes.Die CALM-PD-Studie hat bezüglich der Beeinflussung des Zellschwundes Pramipexol gegenüber L-Dopa mit Hilfe der DATScan-Untersuchung getestet. Die von Anfang an mit Pramipexol behandelten Patienten haben bei Beendigung der Studie eine höhere Dopamin-Transporter-Dichte gezeigt.

Ähnliche Ergebnisse hat die PELMOPET-Studie mit Pergolid gezeigt.

Diese Studienergebnisse wurden so interpretiert, dass die Behandlung mit den genannten Dopamin-Agonisten den Zellschwund in der Schwarzen Substanz verlangsamen könnte. Gleichzeitig aber wurden auch Zweifel angemeldet, ob die Fluoro-Dopa-PET- und die DATScan-Untersuchungen geeignet sind, die Zahl der noch übriggebliebenen Nervenzellen in der Schwarzen Substanz zu messen.

MAO-B-Hemmer

Zahlreiche klinische Erfahrungen sprachen für eine den Krankheitsverlauf begünstigende Wirkung des MAO-B-Hemmers Selegilin. In der DATATOP-Studie wurde Selegilin gegenüber Vitamin E und Placebo untersucht. Die günstige Wirkung von Selegilin wurde zunächst als Verlangsamung der Krankheitsprogression gewertet, später wurde diese Wirkung als nur symptomatisch eingestuft. In folgenden Untersuchungen mit sog. Auswaschphasen konnte nachgewiesen werden, dass Selegilin mindestens in den ersten Krankheitsjahren eine leichte neuroprotektive Wirkung hat. Vitamin E zeigte die gleiche Wirksamkeit wie Placebo.

Der neue MAO-B-Hemmer Rasagilin wurde in der TEMPO-Studie untersucht, diese Studie spricht auch für eine leichte Verlangsamung der Krankheitsprogression. Die ADAGIO-Studie mit Rasagilin scheint die leichte neuroprotektive Wirkung bei einer Dosierung von 1 mg/Tag zu bestätigen. Die fehlende Wirkung in der höheren Dosierung (2 mg/Tag) lässt aber an dieser Bewertung Zweifel aufkommen.

Glutamat-Antagonisten

Aufgrund von Labor- und Tierversuchen ist eine leichte, den Verlauf begünstigende Wirkung der Amantadin-Präparate zu erwarten

Wirkung der tiefen Hirnstimulation (THS)

Eine nicht symptomatische, die Progression verlangsamende Wirkung konnte bei Menschen bis jetzt nicht nachgewiesen werden.

Andere chemische Substanzen

Antioxidantien: Vitamin C und E

In der schon erwähnten DATATOP-Studie konnte keine Wirkung von Vitamin E auf den Verlauf der Parkinson-Krankheit festgestellt werden. In kleineren, nicht kontrollierten Studien konnte die spezifische Behandlung der Parkinsonkrankheit durch die hochdosierte Gabe von Vitamin E und C um bis 2 Jahre hinausgeschoben werden. Diese Ergebnisse konnten in einer größeren, placebo-kontrollierten Studie nicht bestätigt werden.

Coenzym Q10

Der Spiegel dieses in den Energiezentren der Zellen wirksamen Antioxidans ist nach einigen Untersuchungen im Gehirn von Parkinson-Patienten vermindert. Q10 ist im Reagenzglas auch ein sog. Radikalenfänger. Eine Studie hat eine minimale protektive Wirkung gefunden, obwohl es nicht klar war, ob die Wirkung doch nur symptomatisch war. Eine kontrollierte Studie fand keine Differenz zwischen Placebo und Q10. Die deutsche Studie konnte keine Wirkung auf die Symptome nachweisen.

Kreatin

Kreatin ist ein Nahrungsergänzungsmittel, das auch von Athleten zur Leistungssteigerung benutzt wird. In Tierversuchen wurde eine neuroprotektive Wirkung gefunden, bei Menschen konnte die Wirksamkeit bis heute nicht bestätigt werden.

Grüner Tee

In Tierversuchen besitzt der Wirkstoff im grünen Tee eine Antioxidans-Wirkung. Bei Menschen konnte bisher keine neuroprotektive Wirkung bestätigt werden.Coffein
Epidemiologische Studien sprechen dafür, dass das Risiko an Parkinson zu erkranken bei Menschen, die höhere Mengen von Kaffee oder Tee konsumieren, niedriger ist. Tierexperimente zeigten eine leichte neuroprotektive Wirkung. Coffein ist ein Adenosin-Rezeptor-Antagonist.

Nikotin

Aufgrund von epidemiologischen Studien, die die erhöhte Häufigkeit der Parkinson-Krankheit bei Nichtrauchern belegen, wurde die neuroprotektive Wirksamkeit von Nikotin diskutiert. Wegen der negativen Wirkungen ist aber Nikotin keine Behandlungsalternative.

Weitere Substanzen

Die neuroprotektive Wirksamkeit von Eisenchelatbildnern, Östrogenen, Ghrelin-Magenhormon, Minocyclin Cholesterinsenker, Ca-Antagonisten, Aspirin, COX-2-Hemmer steht auch in der Diskussion.

Zusammenfassung

Neben den oben genannten Möglichkeiten der positiven Beeinflussung des natürlichen Krankheitsverlaufes gibt es noch zahlreiche Stoffe, die im Reagenzglas oder in Tierversuchen neuroprotektive Wirkungen zeigen. Wichtige Aufgabe der Forschung ist es, aus diesen Stoffen diejenigen zu finden, die auch bei Menschen effektiv und ungefährlich sind. Fast jeden Monat können wir über die wachsenden Möglichkeiten der Neuroprotektion etwas Neues lesen. Es ist aber ein langer Weg, bis eine neue Idee oder eine neue Substanz in der Therapie erfolgreich eingesetzt werden kann.

Unsere bisherigen neuroprotektiven Möglichkeiten sind heute leider noch sehr eingeschränkt. Die protektive Wirksamkeit der Mittel, die zur Verfügung stehen, ist minimal. Dessen ungeachtet sollten auch die heutigen Erkenntnisse der Neuroprotektion in die Strategie der Parkinson-Therapie Eingang finden.
Trotzdem können wir hoffen, dass es in absehbarer Zeit möglich sein wird, die Krankheit nicht nur symptomatisch behandeln zu können, sondern auch den Verlauf zu begünstigen oder den Krankheitsprozess sogar zu stoppen.

Aufgrund der Theorie von oxidativem Stress in der Entstehung der Parkinson- Krankheit könnten Antioxidanzien neuroprotektiv wirken, das heißt das Absterben der Nigra-Zellen verlangsamen. Wir wissen, dass beim Auftreten der ersten Parkinson-Symptome ca. 50 Prozent der Nigra-Zellen nicht mehr funktionieren und dass das weitere Absterben dazu führt, dass im Endeffekt diese Nervenzellen fehlen. Die Antioxidanzien könnten also höchstens in der Anfangsphase der Krankheit durch Verlangsamung des Fortschreitens wirken und keine spektakuläre Besserung der Symptomatik herbeiführen, wie es in Fernsehmeldungen über die deutliche Besserung des verstorbenen Papstes, Johannes Paul II., durch Papaya-Extrakte der Fall gewesen sein sollte.

Vitamin E

Aus der Gruppe der Antioxidanzien (Radikalenfängern) wurde Vitamin E am häufigsten geprüft. In der gut kontrollierten DATATOP-Studie konnte auch bei hoher Dosierung (Dosen bis 2000 Einheiten/Tag) keine Wirkung auf die Symptome bzw. auf das Fortschreiten der Krankheit nachgewiesen werden. Höhere Dosen können erhebliche Nebenwirkungen verursachen (Hypervitaminose).

Vitamin C

Aufgrund theoretischer Überlegungen wurde die Einnahme von zwei bis drei Gramm/Tag empfohlen. Die Wirkung auf das Fortschreiten der Krankheit oder auf die Symptome ist nicht bewiesen.

Coenzym Q10

Dieses Nahrungsergänzungsmittel ist in präklinischen Tiermodellen der Parkinson-Krankheit durch seine Wirkung auf die Mitochondrienfunktion (Energiezentren der Nervenzellen) neuroprotektiv wirksam, was selbstverständlich noch nicht bedeutet, dass Q10 auch bei Menschen dieselbe Wirkung hat. Die bisherigen Daten in unkontrollierten Studien sind widersprüchlich, niedrige Dosen waren sicher unwirksam, höhere fraglich. Die unter Federführung der Uniklinik Dresden durchgeführte kontrollierte Studie der Deutschen Parkinson-Vereinigung konnte die Wirksamkeit auf die Symptome nicht nachweisen. In einer amerikanischen, nicht kontrollierten Studie, war die Wirkung auf das Fortschreiten der Krankheit nicht überzeugend.

Papaya-Extrakt

Der französische Virologe Montagnier (Entdecker des AIDS-Virus) empfahl, Parkinson-Patienten und so auch dem verstorbenen Papst Johannes Paul II. Papaya-Extrakte als Antioxidanzien zu geben. Danach erfolgten zahlreiche Zeitungs- und Fernsehmeldungen, die die sichtbare Zustandsbesserung des Papstes auf die Papaya-Gabe zurückgeführt haben. Nach Mitteilung von Prof. Gianni Pezzoli auf den Internet-Seiten der italienischen Parkinson-Gesellschaft war die Besserung des Heiligen Vaters auf eine Levodopa-Gabe zurückzuführen.

Grüner Tee

Grüner Tee ist zurzeit als Radikalenfänger und dadurch Mittel gegen Alterung und Krebs im Blickfeld der Alternativmedizin. In Zellkulturen und bei Ratten konnte auch eine neuroprotektive Wirkung festgestellt werden, die wahrscheinlich auf die antioxidative Wirkung zurückzuführen ist. Größere Studien bei Menschen und bei Parkinson-Patienten sind noch nicht bekannt.

Stand Dezember 2012 | Dr. Ferenc Fornadi, Gertrudis-Klinik Biskirchen

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