Multisystematrophie

Der folgende Beitrag stammt von der Website der Schweizerischen Parkinsonvereinigung

Die Multisystematrophie (MSA) ist eine neurodegenerative Erkrankung des Erwachsenenalters, verursacht durch den Untergang von Zellen in mehreren Gehirnregionen. Wie beim IPS kommt es zur Bildung unlöslicher alpha-Synuclein-Aggregate in den Nervenzellen, weshalb die Erkrankung (wie das IPS und die Lewy-Körperchen-Demenz) zu den Synucleinopathien zählt. Klinisch ist die MSA gekennzeichnet durch eine variable Kombination von Symptomen eines Parkinsonsyndroms (im Gegensatz zum IPS oft symmetrisch ausgeprägt!), einer Kleinhirnerkrankung, einer Störung des autonomen Nervensystems und/oder der Pyramidenbahn (wichtigste der motorischen Nervenbahnen, die von der Hirnrinde ins Rückenmark zieht).

Abhängig von der individuellen Symptomatik werden zwei Formen unterschieden: Beherrscht die Parkinsonsymptomatik (Rigor, Brady­kinese, posturale Instabilität, meist aber kein Tremor) das Bild, spricht man von der «MSA-P» (MSA-Parkinson). Dominiert die Kleinhirnsymptomatik (Gleichgewichtsstörungen, Gangunsicherheit, Koordinations- und Sprachstörungen), spricht man von der «MSA-C» (MSA-Cerebellum [lat. = Kleinhirn]).

Häufigkeit und Krankheitsverlauf

In Europa ist die MSA-P mit rund 80% aller MSA-Erkrankungen klar häufiger als die MSA-C, die vor allem in Japan auftritt. Allerdings ist die MSA mit einer Prävalenz von etwa 4,4 Fällen pro 100 000 Einwohner wesentlich seltener als das IPS mit knapp 200 Fällen pro 100 000 Einwohner. Zudem tritt die MSA vor allem zwischen dem 45. und 59. Lebensjahr auf. Nur 4 % der Patienten erkranken vor dem 40. oder nach dem 70. Lebensjahr.

Dramatisch ist die Krankheitsprogression der MSA. Während beim IPS dank der dopaminergen Medikamente die Lebenserwartung annähernd gleich hoch ist wie bei Gesunden, führt die MSA innerhalb von 3 bis 5 Jahren zum Verlust der Gehfähigkeit und nach 8 bis 10 Jahren zum Tod.

Ursache und Symptomatik

Die Ursache für den Zellverlust in diversen Hirnsystemen, der zu MSA führt, ist bislang unbekannt. Es gibt weder Hinweise auf erbliche oder infektiöse Ursachen noch andere eindeutige Risikofaktoren.

Bekannt ist einzig, dass es aufgrund einer Degeneration der Substantia nigra wie beim IPS zu diversen motorischen und nicht motorischen Störungen kommt. Zugleich ist die Funktion des Kleinhirns gestört, was zu zerebellärer Ataxie (Inkoordination, Zittern bei zielgerichteten Bewegungen der Extremitäten, Gangunsicherheit, undeutliche Sprache) führt. Überdies führt der Untergang präsynaptischer sympathischer Nervenzellen im Rückenmark zu autonomen Störungen und die Forschung hat auch Hinweise auf eine begleitende postsynaptische Lewy-Körperchen-Pathologie.

Zu Beginn der Erkrankung sind zerebelläre Störungen nur bei etwa 5 bis 10% der Betroffenen vorhanden. Bei der Mehrzahl beherrschen eine Parkinsonsymptomatik und/oder autonome Störungen (v. a. Blasen- und Sexual­funktion, Blutdruckregulation, posturale Instabilität) das Bild – wobei Letztere Jahre vor den Bewegungsstörungen auftreten können. Im Gegensatz zum IPS treten Gang- und Gleichgewichtsstörungen mit Fallneigung früh auf. Auch eine starke Sprechstörung ist typisch. Zudem können ein Antecollis (Schiefhals nach vorn) und atypisches unregelmässiges Zittern auftreten.

Wird die neurologische Symptomatik der MSA präsent, schreitet diese rasch voran und die Patienten entwickeln ein Mischbild aus autonomen Störungen, Parkinsonsymptomatik, zerebellärer Ataxie und Zeichen einer Pyramidenbahnschädigung in individueller Kombination und Ausprägung. In späteren Stadien sind die autonomen Störungen quasi bei allen Patienten vorhanden und die Mehrzahl der Betroffenen zeigt deutliche Zeichen eines Parkinsonsyndroms mit Bradykinese, Rigor, Sprech- und Schluckstörungen. Letztere sind oft ausgeprägt und leider pharmakologisch nicht therapierbar. Kognitive Beeinträchtigungen aber sind selten. Die häufigste Todesursache sind Bronchopneumonien (Lungenentzündungen) infolge der Schluckstörungen und der generellen Immobilisierung.

Diagnose und therapeutische Optionen

Aufgrund der Vielzahl der klinischen Bilder, mit denen sich die MSA präsentiert, ist sie nur schwer von anderen Parkinsonsyndromen wie dem IPS, der PSP oder der CBD abzugrenzen. Die Diagnose basiert auf einer ausführlichen Anamnese, einer körperlichen Untersuchung, bildgebenden Verfahren (MRT) sowie autonomen Funktionstests.

Wie beim IPS ist bisher keine Heilung, sondern nur eine symptomatische Therapie möglich. Diese muss – da mehrere Systeme im Gehirn gestört sind – multisystemisch aufgebaut werden. So werden die Parkinsonsymptome mit L-Dopa therapiert. Allerdings greift dieses – anders als beim IPS – nur in etwa 30% der Fälle. Der Grund: Bei der MSA sterben nicht nur die dopaminergen Nervenzellen in der Substantia nigra ab, sondern es kommt auch zu einer Degeneration des Striatums und zum Verlust von Dopaminrezeptoren – wodurch die dopaminerge Medikation nicht mehr wirken kann.

Die zerebelläre Ataxie ist medikamentös nur schwer kontrollierbar. Hingegen kann die orthostatische Hypotonie durch physikalische und medikamentöse Massnahmen (z. B. salzreiche Diät, nächtliches Hochlagern des Oberkörpers, Tragen von Stützstrümpfen, Gabe von niedrig dosiertem Kortison und Midodrine) oft verbessert werden. Auch die urogenitalen Symptome können – durch erfahrene Uroneurologen – oft gut behandelt werden.


Mehr dazu finden Sie in einem Beitrag von Prof. Dr. med. Mathias Sturzenegger, Mitglied Fachlicher Beirat Parkinson Schweiz:
https://www.parkinson.ch/fileadmin/public/docs/Diverse_deutsch/D_MSA_129_13.pdf

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