Ergotherapie

Der folgende Beitrag stammt von der Website „www.parkinson-web.de“, eine Kooperation der Gertrudis-Klinik Biskirchen und der Deutschen Parkinson Vereinigung e.V.

Ziele der Ergotherapie

Unter Ergotherapie oder Beschäftigungstherapie versteht man eine komplexe Therapieform. Sie unterstützt und begleitet die Patienten, die durch die Krankheitsfolgen in ihrer Handlungsfähigkeit bei den für sie bedeutungsvollen Betätigungen eingeschränkt oder von Einschränkung bedroht sind. Ziel der ergotherapeutischen Behandlung ist, die Patienten in der Durchführung dieser Betätigungen in den Bereichen Alltagsleben (Alltagskompetenz), Selbstversorgung, Beruf und Freizeit zu stärken. Hierbei handelt es sich um das Trainieren spezifischer Aktivitäten, aber auch um Beratung und Umweltanpassung. Die Ergotherapie gibt den Patienten die notwendige Handlungsfähigkeit im Alltag und in der Gesellschaft zurück und führt dadurch zur Verbesserung der Lebensqualität.

Das Trainieren zielt auf Verbesserung, bestmögliche Wiederherstellung (Restauration) oder mindestens auf Kompensation der ausgefallenen oder beeinträchtigten Fähigkeiten und Funktionen. Neben diesen geeigneten Übungen kann auch der Einsatz von Hilfsmitteln dazu beitragen, dass die verbleibenden Fähigkeiten angepasst bzw. die verlorenen kompensiert werden.

Die therapeutischen Ziele werden nach ausführlichen Gesprächen mit dem Patienten und möglichst auch mit den Angehörigen und nach Analyse seiner aktuellen Einschränkungen aufgestellt. Für das Festhalten des aktuellen Zustandes und für die Verlaufskontrolle werden verschiedene Beurteilungsskalen eingesetzt (z.B. PDQL = Parkinson´s Disease Quality of Life). Die verbliebenen Fähigkeiten können mit weiteren standardisierten Verfahren und Testuntersuchungen (Gehstrecke, Steck-Test) festgestellt werden. Das nach dieser Momentaufnahme festgelegte Hauptziel kann z.B. die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit, die Zunahme der Selbstständigkeit im Alltagsleben, aber auch die bessere Adaptation in die Gesellschaft (Familie, Freundeskreis, Berufsleben) sein.

Selbstverständlich ist die Berücksichtigung der für die Patienten wichtigen Therapieziele von großer Bedeutung, weil sonst die notwendige Motivation und aktive Mitarbeit des Patienten fehlen kann. Die Einbeziehung der Angehörigen bei der Ergotherapie stellt die Berücksichtigung der Angehörigenwünsche sicher und kann durch gemeinsames Erlernen der Übungen auch für die Kontinuität der Therapie in der häuslichen Umgebung sorgen.

Übungsprogramme

Wichtige Teile des Übungsprogramms sind

  • Alltagstraining
  • Haushaltstraining
  • Berufsbezogenes Training
  • Training der Freizeitaktivitäten

Die Übung der alltäglichen Verrichtungen beinhaltet das Training von Tätigkeiten wie Körperpflege, Anziehen, Knöpfe schließen, Schuhe binden, Fleisch schneiden, Essen, Trinken aber auch komplexere Tätigkeiten wie Einkaufen, in die Bank gehen usw.

Das Haushaltstraining zielt auf die Tätigkeiten in der Haushaltsführung (z.B. Küchentraining).

Bei dem berufsbezogenen Training oder Arbeitsplatztraining müssen die Besonderheiten des Arbeitsplatzes mit einbezogen werden, dies kann eventuell die Beobachtung des Patienten am Arbeitsplatz notwendig machen.

Die Freizeitaktivitäten (Handarbeit, Basteln, Malen usw.) können gezielt geübt werden.

Umgestaltung der Umwelt

Die Beratung bezüglich der Gestaltung der Wohnung und des Arbeitsplatzes, der Kleidung etc. ist eine bedeutende Aufgabe des Ergotherapeuten. Auch die Analyse und Veränderung bestimmter Gewohnheiten, die z.B. Stress oder Sturzgefahr verursachen, kann zur Verbesserung der Lebensqualität der Patienten beitragen. Für diese Analyse sind Patienten-Tagebücher (z.B. Sturz-Tagebuch) gut geeignet. So können z.B. die Probleme der sog. simultanen Tätigkeiten (gleichzeitige Tätigkeiten, Dual task-Tätigkeit), die zum Sturz führen können, bewusst gemacht werden. Es können durch die Analyse der problematischen Handlungsabläufe Gegenstrategien entwickelt werden.

Hilfsmitteltraining in der Ergotherapie

Bei der Hilfsmittelberatung ist zu berücksichtigen, dass es für viele Parkinson-Patienten peinlich ist, sich in der Öffentlichkeit mit Hilfsmitteln zu zeigen. Dementsprechend ist es neben der Auswahl und Übung mit den geeigneten Hilfsmitteln auch eine psychologische Überzeugungsarbeit mit dem Ziel, dass die Patienten diese Hilfen auch benutzen. Vor der endgültigen Verordnung sollten die Hilfsmittel durch die Patienten erprobt werden.

Für die Parkinson-Patienten geeignete Hilfsmittel sind:

  • Erhöhter Tisch
  • Stuhl mit hoher Rückenlehne und Armlehnen
  • Keilförmiges Kissen als Aufstehhilfe
  • Katapult-Sessel (für das Aufstehen vom Sessel)
  • Bettgalgen (Aufrichthilfe)
  • Haltegriffe in der Wohnung und im Bad
  • Badewannen-Lift
  • Treppenlift
  • Barrierefreie Wohnung
  • Schlüssel-Drehhilfe
  • Türgriffverlängerung
  • Fixierter Allzweckschäler in der Kühe
  • Fixierbrett in der Küche
  • Elektrischer Dosenöffner
  • Anmontierter Schraubverschluss-Öffner
  • Selbstöffnende Haushaltsschere
  • Absenkbares Bettgeländer
  • Verstellbares Bett
  • Krankenbett
  • Rutschige Bettwäsche (Umdrehen im Bett besser möglich)
  • Leichtere Bettdecke
  • Stift mit dickem Griff
  • Besteck mit dickerem Griff
  • Rutschfeste Unterlage
  • Warmhalteteller
  • Tiefe Teller
  • Schnabeltasse
  • Strohhalm
  • Knöpfhilfe
  • Strumpfanzieher
  • Langer Schuhlöffel
  • Elastischer Schnürsenkel
  • Schuhe ohne Schnürsenkel oder mit Klettverschluss
  • Kleidung mit Reiß- oder Klettverschluss anstelle Knöpfen
  • Kleidung ohne Kunstfasern (Schwitzen!)
  • Spezielle Geldbörse
  • Tabletten-Teiler
  • Tabletten-Box
  • Multitimer (Erinnerung für die Tabletteneinnahme)
  • Gehstock
  • Freezing-Stock
  • Freezing-Laser-Stock
  • Unterarmgehhilfe
  • Rollator mit Bremse und Sitz
  • Freezing-Rollator mit Laser
  • Adaptiertes Fahrrad
  • Automatikschaltung im Auto
  • Rollstuhl
  • Hüftpolster- Hüftprotektor
  • Knieschoner
  • Sturzhelm
  • Tremor-Maus für Computer
  • Kommunikator (bei unverständlicher Sprache)
  • Gewichtsmanschette (bei Tremor)
  • Großtastentelefon
  • Schnurloses Telefon mit Hilfetaste
  • Funkfinger
  • Fernbedienung mit großen Tasten

Schreibtherapie

Die Parkinson-typische Schreibstörung ist die so genannte Mikrographie, das heißt, dass die Buchstaben während des Satzes immer kleiner werden bis zur Unleserlichkeit. Diese Störung bereitet für die Patienten viele Probleme, z.B. auch dann, wenn die eigene Unterschrift nicht anerkannt wird. Bei den Tremor-Formen der Parkinson-Krankheit, bei denen auch ein Aktions- und Haltetremor vorhanden sind, ist das Schriftbild verzittert, krakelig.

Ziel der therapeutischen Bemühungen ist, dass der Patient lernt, größer und schneller zu schreiben. Hierzu ist das Schreiben auf der Tafel oder auf einem Papier mit Hilfslinien und einer Reihe von vorgedruckten Buchstaben oder Ziffern gut geeignet. Diese Übung kann gut auch in der Gruppentherapie verwendet werden. Wichtig ist aber, dass der Patient diese Übung täglich auch zu Hause durchführt.

Bei der Mikrographie können das Ab- und das erneute Ansetzen des Stiftes dazu führen, dass die Buchstaben leserlich bleiben.

Bei sehr starker Mikrographie kommen die Umstellung auf Druckbuchstaben und eventuell Seiten mit Hilfslinien in Frage. Bei speziellen Schreibproblemen (Unterschrift, Ausfüllen von Formularen) hat die Einzeltherapie Vorteile. Bei starkem Tremor hilft die Strategie mit Großbuchstaben nicht, hier kann die Fixierung der Hand mit der anderen Hand, das Auflegen des Unterarmes, eventuell das Anbringen einer Gewichtsmanschette vorteilhaft sein.

Kreativitätstherapie

In der Ergotherapie werden zur Verbesserung der Fingerfertigkeiten auch verschiedene Techniken wie Zeichnen, Malen, Basteln, Korbflechten, Batikarbeiten angewendet. Viele Patienten, die früher mit diesen Techniken nicht vertraut waren, lernen in der Beschäftigungstherapie diese Techniken und finden dabei eine neue Freizeitbetätigung, einige sogar eine neue Künstlerkarriere.

Die Feststellung, dass der Patient trotz der krankheitsbedingten Einschränkungen immer noch in der Lage ist, etwas Vernünftiges und Schönes zu schaffen, hat eine starke emotionale Wirkung und hilft bei der Krankheitsbewältigung. Dadurch spielt auch diese, in der Zwischenzeit verselbstständigte Therapieform in der Verbesserung der Lebensqualität der Parkinson-Patienten eine wichtige Rolle.

Zahlreiche Ausstellungen von Parkinson-Künstlern und auch einige Publikationen sprechen für die Vorteile dieser Therapie.

Musiktherapie, therapeutisches Singen

Die Rolle von Rhythmus und Musik bei den krankengymnastischen Übungen ist in den entsprechenden Kapiteln der Physiotherapie, insbesondere bei den Gehübungen dargestellt. Diese rhythmisch-akustische Stimulation führt zur Verbesserung der Schrittlänge, der Schrittgeschwindigkeit, sollte aber kontinuierlich durchgeführt werden.

Das rhythmische Sprechtraining zeigt mit Hilfe eines Taktgebers (Metronom) positive Resultate im Bereich des Sprechtempos und des Silbenflusses. Insbesondere bei der beschleunigten und verwaschenen Sprache bringt diese Methode Vorteile.

Das musikalische Stimmtraining beinhaltet Techniken für verschiedene Eigenschaften der Stimmgebung: Tonspektrum. Lautstärke, Klangfarbe, Stimm-Atem-Koordinierung. Zu den Übungen gehören: Vokale und Tonleiter singen, Zwerchfellatmung usw.

Das Singen in der Gruppe als Therapie wird bei Parkinson-Patienten besonders häufig verwendet. Dies ist auch ständiger Bestandteil der Zusammenkünfte der Parkinson-Selbsthilfegruppen. Das Singen verbessert die parkinson-typische Sprechstörung und die eingeschränkte Atmung. Neben dieser Verbesserung der genannten motorischen Symptome hat das gemeinsame Singen auch eine positive psychologische und emotionale Wirkung. Das Erleben der Gesellschaft und der Zugehörigkeit wirkt auch gegen die Rückzugs- und Isolierungstendenzen vieler Patienten.

Für die Gruppen existieren entsprechende Liederbücher. Es ist üblich, dass das Singen von instrumentaler Musik begleitet wird. In der Gruppe werden auch Atemübungen gemacht und elementare Lautgebungen (Stöhnen, Seufzen, Gähnen) geübt.

Nach oben scrollen